Just in dem Moment, als ich die
elektronische Tür zur Welt anschalte, um dies Mindmap hier zu verfassen,
begegnet mir am virtuellen Zoll das Bild eines Zuges, anhand dessen auch gleich
die einleitende Erklärung abgehalten werden kann. Denn was kann man sonst noch
mit Zügen machen, ausser sich darin in der Weite des Kontinents zu verlieren,
gelegentlich unterbrochen von Schikanen von Hurensöhnen? Jaa, man kann sie auch
fahren, doch mir geht es mehr darum, dessen eigentlicher Zweck zu entfremden.
Man ahnt es schon, es geht wieder einmal um Suizid. Hier sollen Ideen gesammelt
werden, wie sie mir spontan noch einfallen werden, um sie spasseshalber genauer
zu beschreiben, wie ich mich im ersten Bild vor den Zug werfe. So einfach geht
es und hinterlässt genervte PendlerInnen und einen schockierten Lockführer. Bei
so einem Szenario erhoffe ich mir möglichst viele Blutspritzer, die dem
Zugverlauf folgen, um möglichst einen Wholetrain zu erschaffen. Abstrakte
Kunst, die aus der bitteren Realität entstand, um eine linksradikale
Momentaufnahme zu hinterlassen. Würde dies Bild für ewig bleiben, könnte ich
glücklich sterben. Widersprüchlichkeiten vorbehalten. Doch schon greife ich zum
nächsten Bild, das mir am nächsten liegt und wir erheben uns gemeinsam über die
Landschaft, die um uns herum in ihrer vollen Pracht bewundert werden kann. Wir
befinden uns auf einem sagenumwobenen Turm, der seinen zweifelhaften Ruf erst
noch erhalten wird. Hier überblickt man gar imaginäre Grenzen, zumindest sagen
uns dies Abbildungen, die da hängen. Doch ich will nicht hängen, nicht hier,
ich bestieg diesen Turm aus einem anderen Grund. Hier werde ich fallen, und
zwar genau auf diesen Grund und Boden, den wir in weiter Tiefe erblicken. Schon
als Kind gefiel mir diese Vorstellung, weniger aber eine aktiv
selbstverletzende Handlung wie das stets naheliegende Beispiel der Pulsadern,
die aufgeschlitzt werden können. Dafür wäre ich letztendlich zu feige und der
Ausgang scheint mir zu risikobehaftet, diesen nicht zu erreichen. So möge doch
auch noch schnell die klassische Erhängung abgehandelt werden, denn diese erfordert
grösseres Hintergrundwissen, als ich gegen Ende imstande wäre, mir
anzuschaffen. Nun ist Einfallsreichtum gefragt. Zu Tode saufen erforderte zu
viel Zeit, nicht nur wegen der Eingewöhnungsphase. Auch die goldene Besäufnis selbst
nähme eine stundenlange, und gleichzeitig erbärmliche repetitive Handlung in
Kauf, die mich volltrunken doch noch in ein anderes Ende geleiten würde, als
ich es über Monate hinweg geplant und darauf hingearbeitet hätte. Und für andere
tödliche Drogen fehlt mir der Zugang. Wie auch zu einem Auto, der so einen
Prozess beschleunigen würde, sofern ich nicht schon vor der endgültigen
Beschleunigung gestoppt würde. Also rase ich weiter durch meinen verwirrten
Kopf, der sich undenkbares überlegt und schaut sich nach weiteren Möglichkeiten
um. Ersaufen in einem kalten See statt in Alkohol. Der Winter naht, der sogenannte
Point of no Return wäre schnell erreicht. Und ich schwimme gerne. Das wäre,
abgesehen von der Kälte, ein angenehmer Tod, während dessen Herbeibeschwörung
ich mir nochmals meines Lebens überdrüssig werden kann, indem ich mich an
dessen miserablen Geschichten erinnere. Dies tat ich einst, als ich verhungern
wollte. Und ich schloss schon damals mit diesem endlosen und genauso
langweiligen Horrorfilm ab, den ich seit Geburt an durch meine Augen hindurch bestaune
und jeden Abend wieder traurig ausschalte. Und jeden Morgen wieder dasselbe
Szenario, eingeleitet durch eine Morgendepression des Grauens, die mir
zuflüstert, es lohne sich nicht zu leben. Ich weiss. Und nun? Für was werde ich
mich entscheiden? Der Turm scheint am wenigsten erbärmlich zu sein und benötigt
nur eine Kurzschlusshandlung, die im richtigen Moment überspringen müsste. Doch
abgesehen von der Nähe schrecken mich die restlichen Umstände ab, denn direkt
darunter, wenige Meter entfernt befindet sich eine Schule und nur meinem längst
vergangenem Dasein als Kind könnte verziehen werden, sich so an seinen Altersgenossen
zu rächen, die ihn hier hochtrieben. Doch meine Zahl der 27 ist zu hoch, um so
verantwortungslos zu handeln trotz der Absicht des Suizids. Ach, welch bedingt
schöne Wortwahl für so ein schreckliches Ereignis, das ich hier herbeidichte,
inspiriert durch meine fabelhaft düstere Gedankenwelt, die ihr äusseres
Gegenstück nicht mehr erträgt. Wie kann mir dieser Wilde Westen des Kapitalismus
überhaupt noch Angst einjagen, wenn mich solche Überlegungen gar erfreuen
können? Der Doktor befiehlt mir, sein Erbe weiter zu tragen und seinen Wahnsinn
in guter, alter Gonzo-Manie durchzuziehen. So möge auch mich der Reichtum
erlangen und abgeschieden von diesem Abschaum über diesen zu spotten, auf dass
mich selbst die gemässigten Diktaturen tot sehen wollen. Ich stürze mich ihnen
voller Lebensmüdigkeit entgegen und ende als Legende. Oder doch nicht?
Cliffhanger folgt gen Ende der aktuellen Staffel. Seid gespannt wie der Bogen in
meinen Händen, die auf den anrasenden Zug zielen. Ende Legende.
RvH, 18.10.2019, 21:00, 0090