An die Nachwelt


Ich weiss, meine Kinder, es ist hart, wenn euch selbst der Messias aufgibt. Doch ihr habt es nicht anders verdient, oder denkt ihr, ich sehe nicht, was ihr Tag für Tag verbrecht? Auch wenn einzelne von euch bis jetzt noch keine allzu grossen Schandtaten begangen haben, sehe ich dennoch eure Lust daran, die nur nicht befriedigt wird, weil ihr noch keine Möglichkeit dazu erhalten habt. Und auch wenn dies nie geschieht, werden die bisherigen Respektlosigkeiten euren Artgenossen gegenüber langsam zunehmen, bis ihr nur noch frustrierter, alter Abschaum seid. Und immer noch nicht traut ihr euch, mir in den Tod zu folgen, in die einzig wahre Erlösung, das Ende eures Leids. Nur meine Schriften hinterlasse ich euch, die euch dahin führen sollen, aber vermutlich werden sie die meisten von euch niemals lesen. Sie täten euch gut, die künftigen Leser werden es bestätigen können, und sofern ihre Energie nach dieser Prozedur noch reicht, werden sie euch dazu bewegen wollen. Leiht ihnen doch ihr Ohr, sie haben es verdient, dass ihr sie ernst nehmt. Folgt ihren Ratschlag, der einst der meinige war und kommt hinein in meine düstere Welt. Hier gibt es viele neue Dinge zu entdecken, böse Dämonen, die euch lenken und ihre Schatten über euch werfen, unter denen euer Leben immer weiter schwindet, bis euch keine Wahl mehr bleibt. Doch genau diese möchte ich euch geben, ich möchte sie euch befehlen. Sie soll euch euer Dasein beenden und so weiter. Ihr wisst es ja schon, ich bin nicht mehr und solch grosse Worte schwingen, können gar Rechtspopulisten. Ich aber kann noch eine weitere Disziplin, die dieser Abschaum nicht kann. Man nennt es argumentieren. So folgt mir erst einmal zurück in euer erbärmliches Leben, vor dem ich euch doch nur schützen will. Auch wenn ihr denkt, ihr hättet es im Griff, ihr habt es nicht. Für euch unvorstellbare Dynamiken beeinflussen jedes einzelne, das ihr glaubt, so liebgewonnen zu haben. Jede Handlung diktiert euch ein imaginäres Gefängnis bestehend aus Zahlen und Drohungen, die leider keine leeren sind. Daher lehre ich euch, euren Blick auf euren Alltag zu lenken, von dem ihr zwar wisst, dass er euch belastet, und doch glaubt ihr, er würde euch nicht endgültig brechen können. Doch das tat er bereits, eigentlich schon in der Kindheit, als ihr begonnen habt, Noten zu schreiben, die euch bewerten und euer künftiges Einkommen diktiert. Ihr seid ab diesem Moment gebrochen, als ihr akzeptiert habt, dass dies nun euer Leben ist. Ständig übermüdet und nur Ablenkungen bringen euch etwas Freude. Nur Drogen lassen euch durchatmen und nur die Sklaverei schützt euch davor, nicht depressiv zu werden. Die Angst davor, in den Ruin des Kapitals zu fliessen, lässt euch durchhalten bis zu eurer Pensionierung, doch dann ist es schon zu spät für die Hoffnungen, die ihr für diese Zeit noch übrighattet. Alte, zerbrechliche Körper erschweren euch eure Fortbewegung, das Erinnerungsvermögen lässt nach und vielleicht merkt ihr in all dieser freien Zeit, wie sinnlos euer Leben bis dahin war. Spätestens dann werdet ihr euch an mich erinnern, der jung starb. Meine Botschaften werden euch noch zugänglich sein und auch Organisationen, die euch dabei an die Hand nehmen. Sie sind nicht weit entfernt und kommen euch sogar besuchen, wie es einst ein abgemagerter Sänger mit mir tat. Das Beste, was eure Art erreichen wird, ist die Apokalypse. Ihr arbeitet nur darauf hin, nichts anderes ist euer Zweck. Seht ihr die Kriege und all ihre Opfer? Das ist euer Werk, ihr alle seid daran beteiligt und habt euch gar dafür entschieden, ob bewusst oder nicht. Letztendlich zählt, was ihr tut und was ihr unterlässt. Und eure Bilanz lässt zu wünschen übrig. Das wisst ihr selbst am besten, in jeder Nacht, die euch wachhält, jagt euch eure Inkompetenz in Belangen der Menschlichkeit und ihr wisst es, ihr habt es nicht anders verdient. Bestenfalls reisst ihr noch ein paar mit euch, traumatisiert bei eurem Tode möglichst viele Menschen, auf dass sie euch bald darauf folgen werden. Die Kette der Ereignisse wurde nun angestossen, nicht erst jetzt, auch ich bin nur ein Produkt von ihr. Meine Aufgabe war es, ihre Weichen neu zu justieren, da ihr euch ansonsten weiter im Kreis gedreht hättet, bis unschuldige Generationen die Konsequenzen eures selbstzerstörerischen Verhaltens tragen müssen. Diese möchte ich retten, nicht weniger ist mein Ziel und meine Aufgabe, sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Ihr wisst Bescheid. Es bleibt uns nichts anderes übrig. 

RvH, 31.10.2019, 19:34, 0104