Es schmerzt kaum noch, wenn ich meinem
Werk gedenke, das hier ein Ende finden wird. Es war unvollkommen, narzisstisch
und nie dazu bestimmt, wahrgenommen zu werden. Immerhin das kann ich bestimmen,
denn sollte es öffentlich werden, würde ich daran zugrunde gehen. Ob durch all
die Relevanz, welche ich in Vollkommenheit erwarten würde oder halt durch
enttäuschte Erwartungen, die ich doch zu hoch ansetzte. Wenn sich ein
Aussenseiter dazu entscheidet, all sein Leid durch Kunst zu kompensieren, kann
er nur scheitern. Ich habe stets hingehalten und versucht, dabei ruhig zu
bleiben, auch wenn mir das nicht immer gelang und lenkte den Frust ab und
konservierte ihn im Werk. Es ist voller Energie, die möglicherweise Erdbeben
auslösen könnte, doch will ich nicht fallen. Ich will springen. Ich wurde
bereits von allen belächelt und für dumm verkauft, für unfähig gehalten und für
unwürdig, Respekt zu kriegen. All diese Ablehnung muss nicht auf ein neues
Level gehievt werden, es genügt, bis jetzt durchgehalten zu haben und lediglich
gegen Schluss ein wenig übertrieben zu haben. Im Kleinen halten sich die
Konsequenzen im ertragbaren Bereich, doch nur minimale Steigerungen würden mich
durchdrehen lassen, nur geschützt von meinem unfassbar grossen Ego, das auf
alles herabblickt und von sich fernhaltet, um doch wieder einsam zu sterben.
Ich bevorzuge, dies im Stillen zu tun ohne Beobachtung und Trauer von unerwarteter
Seite. Die Trauer meiner Erzeuger und co. genügt. Und diese wären gar
erleichtert, kein Sorgenkind mehr zu haben. Ich schenke ihnen mein Werk, sollte
es nicht beschädigt werden, wenn ich ablebe. Es würde sie bereichern und mich vielleicht
sogar besser verstehen lassen. So lange ich lebe, bleiben sie jedoch beschränkt
und werden sich immer weiter schämen. In ihrem Namen beende ich nicht das Werk,
sondern das Leben. Es wäre beides nicht wert, unnötig in die Länge zu ziehen. Wie
die Menschheit würde ich nur ein bitteres Ende erfahren und all das Geschaffene
ginge verloren und vergessen, verdorben und selbst verletzend. Kein Reichtum
erwartet mich da draussen, der Reichtum meiner Texte muss mir genügen. Die des
Gesprächsgesangs knackten nie die Hundert, dies übernehmen diese Schandtaten
hier. Die Bücher kamen nie auf Hundert Seiten, diese habe ich hier schon
erreicht. Hundert Prozent war zu hoch angesetzt, daher liess ich es hier
bleiben und begnügte mich teilweise mit den 70. Für unfassbar kann ich es nicht
halten, denn ich weiss, wie sie entstanden. Jedes Wort wurde rausgepresst und
dazu gezwungen, sich einzureihen in wirre Gedankengänge, die sowieso niemand
verstehen würde. Es würde eher dazu führen, dass sich Schleimscheisser dazu
ermutigt fühlen, sich meiner anzunehmen und auf meine ablehnende Reaktion nicht
einzugehen. Denn wer bin ich schon ausser ein einsamer Aussenseiter, der sich
als grosser Lyriker versucht und in ihrer beschränkten Wahrnehmung daran
scheitert? Und Musik kann doch nicht so klingen, wie ich es vorhätte. Eine
Stimme voll mit all dem Hass und Leid dieser Welt gefüllt, wer will das schon
hören? Eine Handvoll treuer Hörer, die bis zu ihrem Suizid dableiben und mich
in meinem Frust bestätigen, die mir Geschichten aus erster Hand erzählen
würden, die viel krasser sind, als die harmlosen aus meinem Leben. Nicht mein
Leben führte mich in den Tod, sondern meine ungebrochene Empathie. Und diese zöge
mich spätestens ab da an runter in den Abgrund. Lieber jetzt. In ein paar
Tagen, wenn ich es vollendet habe. Falls ich das überhaupt noch schaffe. Unmögliches
gelang mir schon, ein zweites Mal kann ich nur scheitern. Nächste Woche ist es
soweit. Niemand wird es erfahren, nur ihr, die ihr nicht existiert. Oh, mein
unvollendetes Werk, einst schien mir dein Zustand unerträglich. Nun weiss ich,
dass dies die vollkommenste deiner Formen ist. Meine Existenz hindert dich
daran, zu glänzen, wie es nur du kannst. Hässlich und unvollständig, Schönheitsfehler
inbegriffen. Übersehen wie dein Schaffer, der Ruhm würde ihn fressen und dich
verkaufen lassen. Dein Dienst ist schon bald vorbei, als Krücke eines Lebens,
dass sich nie traute. Sie nicht traurig, du bist trotzdem irgendwo und
vielleicht nimmt dich jemand an der Hand und führt dich irgendwo hin, wo man
dich für deine Geschichte bestaunt, wenn auch nicht für dein Inhalt. Der wäre
zu traurig für solche Leute. Scheiss auf sie, ich tue es auch.
RvH, 22.10.2019, 21:13, 0092