Das Raubtier naht, ich sehe es schon
kommen. Schon seit Jahren macht es sich bereit, um wieder anzugreifen. Es wurde
einst niedergeschlagen, doch verbreitete es vorher Angst und Schrecken unter
den Kolonien mit ihrer forschen und vor allem mörderischen Art. Die Sprache,
die nur in vereinzelten Kolonien gesprochen wird, aus denen das Raubtier stammt,
ist eine hart klingende und stumpf artikulierte. Sie passt sehr gut zum
Raubtier. Solche Raubtiere gibt es auf der ganzen Kugel verteilt, doch diese
eine Rasse hat neue Massstäbe gesetzt, was die Brutalität anbelangt. Und nun
kommt genau diese wieder zurück, kaum sind die vergangenen nahezu komplett
ausgestorben. Doch nicht nur in diesen Kolonien haben Raubtiere ihre alte Kraft
zurückerlangt, nicht nur in diesen Belangen wiederholt sich die Geschichte erneut.
Doch nicht nur Wiederholungen prägen die Geschehnisse der jüngeren
Zeitgeschichte, auch die Zeit selbst nimmt Einfluss auf die Ereignisse. Neue Beute
ist hinzugekommen, sie sind wortwörtlich hinzugekommen und leiden seit ihrer
Ankunft in den neuen Kolonien, die sich selbst fortschrittlich schimpfen, und
der Druck steigt. Er steigt an und drückt die Zellen näher zusammen und diese
erhitzten sich immer weiter, während sie still vor sich hin brodelten. Der nächste
Gewaltausbruch steht kurz bevor. Im Kleinen nahm sich das Raubtier schon einige
zum Frass vor, nebst der ständigen Bedrohungslage, die unter ihren kaum
verdeckenden Kostümen hervorgeht. Und doch liessen sich viele davon täuschen
und glaubten nicht an ihre Existenz. Es schien, dass die meisten Zellen daraus
lernten, was ihre Ahnen einst verbrachen, es schien doch alles so gut zu laufen.
Selbst der Umgangston wurde etwas sanfter, oberflächliche Ketten wurden nach
und nach abgelegt, denn Fortschritt, der geschah. Nur profitierten auch in der
Moderne lange nicht alle von diesem Fortschritt, der vielen als Vorwurf
entgegenkam und es blieben dieselben wie immer auf der Strecke liegen. Gerade in
die Kolonien, die derzeit zu den Gewinnern gehören, kamen während des Aufbaus
ihres Erfolges viele fremde Zellen dazu, die in vielerlei Hinsicht auffielen. Gerade
die äusserlichen Unterschiede sahen alle auch aus der Ferne und
unterschiedliche Arten der Kommunikation erschwerten für viele die
Gewöhnungsphase. Es entstanden viele Missverständnisse und kaum ausformulierte
Erwartungen wurden gebrochen und erhitzten die Stimmungslage zusätzlich. Nie
erklärte jemand den Zellen, dass sie keine Angst vor anderen haben müssen und
das Konkurrenzdenken einer jeden einzelnen wurde ohnehin gefördert. So schienen
die Neuen die Plätze im Überlebenskampf zu stehlen, obwohl sie doch gebraucht
wurden, da die Alten zu wenige waren. Doch die Raubtiere bellten seit jeher
gegen alles Fremde, was ihnen eigentlich Angst machte und nun kamen diese
Fremden gar zu ihnen nach Hause und wollten nur überleben. Das konnten viele nicht
verstehen und gaben daher den lautesten Recht, da diese sie in ihrer Verwirrung
bestätigten. Die Raubtiere frassen in ihrem Blutrausch all die Empathie, die
ihren Zellengenossen teilweise noch zu eigen ist, oder beschränkten sie auf die
gemeinsame Kolonie und verweigerten sie denen, die nicht aus ihrer stammten,
wie auch ihren Nachkommen und deren Nachkommen und so weiter in die Zukunft. Und
hier in der Gegenwart steigt die Panik auf allen Seiten an, doch viele können
sich kaum noch an die Geschichte erinnern, die sie lernen mussten. Dort gibt es
schreckliche Geschichten, die sie aus ihrer Illusion reissen würden und
aktuelle Schreckensszenarien geschehen meist ausserhalb der erhabenen Kolonien,
so dass deren Zellen am liebsten alle anderen von sich fernhalten möchten. Und
trotz hoher Hürden kommen immer mehr dahin, wo das Überleben gelingt, wo all
die Nährstoffe hinkommen, die das ermöglichen. Und immer noch haben die Zellen
Angst davor, die längst in abartigen Hass überschlug und das obwohl deren
Kolonien bereits bunt sind und sie auch nichts anderes mehr kennen. Nur noch diejenigen,
die aus der Alten Zeit stammen, kennen noch diese Eintönigkeit, die zurückverlangt
wird, nicht nur noch von Raubtieren. Nicht nur in den kleinen Kolonien sitzen
sie an der Macht, diese eine Grosse hat sie nach jahrzehntelanger Ignoranz nun
doch direkt vor Augen und glaubt es kaum, dass dies noch möglich ist. Scheinbar
ahnten dies kaum Zellen, obwohl es doch offensichtlich war. Man musste nur den
Erfahrungen von den Neuen lauschen, deren Existenz seit jeher von Ablehnung
geprägt ist. Oder all die Kämpfe der Kolonien, die nie aufgehört hatten trotz
gegenseitiger Beschwichtigungen, zeigen ebenfalls, wie es um den Virus steht. Und
nicht nur ein weiterer Höhepunkt der gegenseitigen Ermordung steht bevor, die
Kugel macht all die Scheisse nicht mehr mit. Sie fordert und zeigt schon lange,
wie es um ihre Zukunft steht, wenn ihre Ausbeutung nicht bald ein Ende findet.
Und eigentlich wüssten auch schon alle Zellen davon, nur ist deren Ignoranz
allumfassend und gelangweilt von den immer gleichen Warnungen, die neben ihren
frustrierenden Alltag nur erschwerend hinzukommen. Und ich sehe das Ende
kommen. Ich sehe meine Energie schwinden, die all meine Hoffnungen am Leben
hielten, die mich am Leben hielten. Nur eine Zelle, die ahnt, was kommt und
nicht mehr mag. Sie geht verrecken und all die anderen werden ihr folgen. Auf
die eine oder andere Weise, laut oder leise. Scheisse.
RvH, 22.10.2019, 19:47, 0091