Die Kolonien des Virus Vol.7 über das Raubtier


Das Raubtier naht, ich sehe es schon kommen. Schon seit Jahren macht es sich bereit, um wieder anzugreifen. Es wurde einst niedergeschlagen, doch verbreitete es vorher Angst und Schrecken unter den Kolonien mit ihrer forschen und vor allem mörderischen Art. Die Sprache, die nur in vereinzelten Kolonien gesprochen wird, aus denen das Raubtier stammt, ist eine hart klingende und stumpf artikulierte. Sie passt sehr gut zum Raubtier. Solche Raubtiere gibt es auf der ganzen Kugel verteilt, doch diese eine Rasse hat neue Massstäbe gesetzt, was die Brutalität anbelangt. Und nun kommt genau diese wieder zurück, kaum sind die vergangenen nahezu komplett ausgestorben. Doch nicht nur in diesen Kolonien haben Raubtiere ihre alte Kraft zurückerlangt, nicht nur in diesen Belangen wiederholt sich die Geschichte erneut. Doch nicht nur Wiederholungen prägen die Geschehnisse der jüngeren Zeitgeschichte, auch die Zeit selbst nimmt Einfluss auf die Ereignisse. Neue Beute ist hinzugekommen, sie sind wortwörtlich hinzugekommen und leiden seit ihrer Ankunft in den neuen Kolonien, die sich selbst fortschrittlich schimpfen, und der Druck steigt. Er steigt an und drückt die Zellen näher zusammen und diese erhitzten sich immer weiter, während sie still vor sich hin brodelten. Der nächste Gewaltausbruch steht kurz bevor. Im Kleinen nahm sich das Raubtier schon einige zum Frass vor, nebst der ständigen Bedrohungslage, die unter ihren kaum verdeckenden Kostümen hervorgeht. Und doch liessen sich viele davon täuschen und glaubten nicht an ihre Existenz. Es schien, dass die meisten Zellen daraus lernten, was ihre Ahnen einst verbrachen, es schien doch alles so gut zu laufen. Selbst der Umgangston wurde etwas sanfter, oberflächliche Ketten wurden nach und nach abgelegt, denn Fortschritt, der geschah. Nur profitierten auch in der Moderne lange nicht alle von diesem Fortschritt, der vielen als Vorwurf entgegenkam und es blieben dieselben wie immer auf der Strecke liegen. Gerade in die Kolonien, die derzeit zu den Gewinnern gehören, kamen während des Aufbaus ihres Erfolges viele fremde Zellen dazu, die in vielerlei Hinsicht auffielen. Gerade die äusserlichen Unterschiede sahen alle auch aus der Ferne und unterschiedliche Arten der Kommunikation erschwerten für viele die Gewöhnungsphase. Es entstanden viele Missverständnisse und kaum ausformulierte Erwartungen wurden gebrochen und erhitzten die Stimmungslage zusätzlich. Nie erklärte jemand den Zellen, dass sie keine Angst vor anderen haben müssen und das Konkurrenzdenken einer jeden einzelnen wurde ohnehin gefördert. So schienen die Neuen die Plätze im Überlebenskampf zu stehlen, obwohl sie doch gebraucht wurden, da die Alten zu wenige waren. Doch die Raubtiere bellten seit jeher gegen alles Fremde, was ihnen eigentlich Angst machte und nun kamen diese Fremden gar zu ihnen nach Hause und wollten nur überleben. Das konnten viele nicht verstehen und gaben daher den lautesten Recht, da diese sie in ihrer Verwirrung bestätigten. Die Raubtiere frassen in ihrem Blutrausch all die Empathie, die ihren Zellengenossen teilweise noch zu eigen ist, oder beschränkten sie auf die gemeinsame Kolonie und verweigerten sie denen, die nicht aus ihrer stammten, wie auch ihren Nachkommen und deren Nachkommen und so weiter in die Zukunft. Und hier in der Gegenwart steigt die Panik auf allen Seiten an, doch viele können sich kaum noch an die Geschichte erinnern, die sie lernen mussten. Dort gibt es schreckliche Geschichten, die sie aus ihrer Illusion reissen würden und aktuelle Schreckensszenarien geschehen meist ausserhalb der erhabenen Kolonien, so dass deren Zellen am liebsten alle anderen von sich fernhalten möchten. Und trotz hoher Hürden kommen immer mehr dahin, wo das Überleben gelingt, wo all die Nährstoffe hinkommen, die das ermöglichen. Und immer noch haben die Zellen Angst davor, die längst in abartigen Hass überschlug und das obwohl deren Kolonien bereits bunt sind und sie auch nichts anderes mehr kennen. Nur noch diejenigen, die aus der Alten Zeit stammen, kennen noch diese Eintönigkeit, die zurückverlangt wird, nicht nur noch von Raubtieren. Nicht nur in den kleinen Kolonien sitzen sie an der Macht, diese eine Grosse hat sie nach jahrzehntelanger Ignoranz nun doch direkt vor Augen und glaubt es kaum, dass dies noch möglich ist. Scheinbar ahnten dies kaum Zellen, obwohl es doch offensichtlich war. Man musste nur den Erfahrungen von den Neuen lauschen, deren Existenz seit jeher von Ablehnung geprägt ist. Oder all die Kämpfe der Kolonien, die nie aufgehört hatten trotz gegenseitiger Beschwichtigungen, zeigen ebenfalls, wie es um den Virus steht. Und nicht nur ein weiterer Höhepunkt der gegenseitigen Ermordung steht bevor, die Kugel macht all die Scheisse nicht mehr mit. Sie fordert und zeigt schon lange, wie es um ihre Zukunft steht, wenn ihre Ausbeutung nicht bald ein Ende findet. Und eigentlich wüssten auch schon alle Zellen davon, nur ist deren Ignoranz allumfassend und gelangweilt von den immer gleichen Warnungen, die neben ihren frustrierenden Alltag nur erschwerend hinzukommen. Und ich sehe das Ende kommen. Ich sehe meine Energie schwinden, die all meine Hoffnungen am Leben hielten, die mich am Leben hielten. Nur eine Zelle, die ahnt, was kommt und nicht mehr mag. Sie geht verrecken und all die anderen werden ihr folgen. Auf die eine oder andere Weise, laut oder leise. Scheisse. 

RvH, 22.10.2019, 19:47, 0091