Er liess sich Zeit, doch kam nun
endgültig hinein in die weite Welt meiner kleinen Hölle. Der Herbst, so
unfassbar lieblos und doch nur ein Vorbote des Winters, hat vor ein paar Tagen
begonnen, die Menschen zu verjagen. Auch mich lässt er verschreckt in meinem
Heime zurück, auch wenn ich davor nicht viel öfters rausging, als meine
Berufung als Kundschafter es verlangte. Und auch diese Aufgabe erschwert er mir
mit seiner Unbarmherzigkeit, und auch der Geschmack ist seiner. Das Regenwasser
lässt er kühl auf den Böden der Zivilisation verewigen und durchtränkt so meine
Blüten und auch anderes, was mich jedoch nicht interessiert. Denn ich bin
abhängig von den Gaben der unökologischen Verhaltensweise, die einen weitaus
leichteren Zugang ermöglicht. Zusätzlicher Aufwand wird nicht mehr zwingend
belohnt, denn die Behälter meiner Blüten sind selten gut geschützt vor der
herbstlichen Wetterlage des Dauerregens. So bleiben mir nur unbefriedigende
Überbleibsel über, die ich kaum anrühren möchte, nur bleiben sie länger, da sie
erst noch trocknen müssen. Einen widerlichen Gestank verbreiten sie während
dieses Prozesses und halten ihn bei, auch noch während sie konsumiert werden.
Und die Kälte verhindert ein permanentes Durchlüften. All dies quält mich in
diesen Tagen und die nahe Zukunft wird noch schrecklicher, noch kälter. Der
Winter naht und vielleicht auch mein Tod. Dessen Linie könnte ein
entscheidender Faktor werden, denn auch diese rückte schon bedrohlich nahe. Ein
Spiel der Wiederholungen breitet sich aus, bei jedem Ende, das einem Monat
vorangeht. Und schon vor der Niederschrift meines Elends wiederholte sich alles
schon jahrelang, die Jahreszeiten wechseln sich schneller ab, als ich sie
verarbeiten kann und nur die Herbstgefühle blieben. Nur die Flucht in den
Winter kann mich noch retten, doch genauso gut kann es mich töten. Sollte ich
dennoch überleben, wird der Sommer meines Lebens vielleicht niemals kommen, und
nur die Sonne in mir drin kann mich noch wärmen. Diese liess mich jedoch
ausbrennen, denn dies gehört zu der Metapher. Ach, die Melancholie treibt es
gerade mit dem Selbsthass und zeugt ein Weisses Ungetüm, um es zum Schluss auf
mich zu jagen, damit es alles aus mir herausbekommt, was übrigblieb. Und so
verschwindet auch die Sonne aus meiner Seele, die sich gelangweilt zurücklehnt,
bis der Körper vollzieht, was sie ihm befiehlt. Denn dieser ist schwer von
Begriff und möchte lieber kein Risiko eingehen. Letztendlich bliebe nur er
übrig. Er allein müsste verweilen, wo wir ihn verliessen, wie verkrüppelt er
dann auch immer sein mag. Die Verwesung, das letzte Gefühl, das er wahrnimmt.
Eine lange Zeit würde es dauern. Der Herbst soll ihn holen, die Jahreszeit
meiner Geburt, und vielleicht sogar dessen Tag, sollen bekommen, was sie
schufen. Irgendein Ungetüm aus den Reihen des Abschaums, das in diese trostlose
Zeit hineingeschissen wurde, um 28 Jahre lang dessen Energie zu absorbieren,
runtergedrückt und rausgestossen zu werden. Ich war nur Fastfood, das vieles
versprach, was es nicht einhalten konnte. Der geilste Frass, der niemanden
etwas bringt. Ein Überbleibsel aus der Apokalypse. Dies ist eine Zeit, in der nicht
mal mehr Verlass ist auf die hochgelobten Jahreszeiten, in der sich diese viel
zu lange ankündigen, um auf einmal alles niederzureissen, was wir schufen. Sie
verspotten mich, weil ich mein Werk zurücklassen will, um ihm zumindest ein
kleines Publikum zu bieten, denn längerfristig werden sie auch dieses nehmen.
Somit kann ich es auch zerstören und bliebe der King des Undergrounds. Unter
all der nassen Erde begraben, die mein Grab sein soll. Auch hier würde ich
verdaut, aber hier kann ich von Nutzen sein. Selbst ein noch so schlecht
genährter Körper kann hier einen Nährwert schaffen. So folgt mir in meine
Wälder der Hochwacht, wo ich mich des Nachts verirren werde, wo mir nur noch
die Kälte und die Panik bliebe, um mich in den Abgrund zu stossen. Dort gehöre
ich hin, denn von da kam ich einst raufgeklettert, um in dieser Welt zugrunde zu
gehen. Ich entkam dem Herbst schon viel zu lange, schon bald kehre ich zurück. Die
süsse Melancholie des Herbstes spielt mir das Lied vom Tod und ich höre
gespannt zu, um den richtigen Moment zu erwischen. Schon bald ist es soweit.
RvH, 30.10.2019, 18:47, 0099