Ich bin Narzisst, denn ich bin umgeben von
Idioten. Sie begegnen mir überall auf meinen Kundschaften, die ich in wilder
Sammelwut so schnell als möglich hinter mich bringen will. Doch sie tauchen
immer zu den ungünstigsten Momenten auf, als wären sie von Satan höchstpersönlich
engagiert worden, um mich wahnsinnig zu machen. Das hast du geschafft, mein lieber
Hurensohn da unten, und du hast die heutige Schlacht abermals gewonnen.
Mittlerweile feierst du deine besten Siege nicht einmal mehr so ausgiebig wie
einst, als du gar einen Jahrhundertschnee zu meinen Ehren fallen liesst. Dir
genügt nun ein leichter Regenschauer. Der wäre nicht einmal effizient genug, nur
um eine einzelne Blüte zu zerstören. Aber du musst dich derzeit noch halbwegs
an die üblichen Wetterveränderungen halten, damit dein verschwörerischer
Klimawandel nicht von zu vielen als real erkannt würde. Daher bleiben dir in
den nächsten Monaten höchstens gelegentliche Stürme, die allerdings nicht zu
viele Bäume entwurzeln dürfen. Ansonsten fiele das auch ausserhalb deiner
Wälder auf, in den Zivilisationen des Abschaums, der sich Zuhause verkrochen
hat. Zumindest behauptet es dieser, doch ich sehe ihn jeden Tag, wie er
draussen andere seiner Art grüssend belästigt oder anstarrt, die Atmosphäre
eines Zuges auf der Ebene des Geruchs vergiftet oder einfach nur Geräusche von
sich gibt, die ein Meister zur Weissglut treiben kann. Dieser erreicht in
seinen Gemächern einen Tiefpunkt nach dem anderen und zog erst vor wenigen
Stunden durch seine düstere Aura einen kleinen Möchtegernmesserstecher an, der
ihm gestikulierend einen Schnitt durch den Hals androhte. Wie genau er diesen
aggressiven Wicht angezogen hat, vermag er nicht genau zu sagen. Vermutlich
hängt es in irgendeiner Weise mit dem Mittelfinger zusammen, den er zwar nicht
gegen den Pöbler gerichtet hat, aber dafür vermutlich vor seinen Augen an des
Nachbars Fenster entgegen, hinter dem wohl niemand stand. Dennoch war es nötig
für eine kleine Machtdemonstration, eine Art Drohgebärde, die Eindruck
hinterlassen soll. Redet hier eine Art Psychose aus mir heraus? Denn diese
liess die Drohung des Messerstechers nicht in einer gesunden Ignoranz
untergehen, sondern schrie aus des Meisters Munde heraus, er solle es doch tun,
während sie den Körper ein paar Meter auf Verfolgungsjagt schickte. Dieser geschätzt
höchstens volljähriger Jugendliche verfiel dadurch wohl dem Verfolgungswahn,
denn bis auf einen kurzen, aggressiven Blick kam nichts mehr von ihm. Und plötzlich
verschwand er hinter einer leichten Kurve der kleinen Strasse, als hätte er
sich vor mir versteckt. Oder werde ich nun endgültig wahnsinnig und eigentlich
leide ich an Verfolgungswahn? Vieles in den letzten Jahren deutet darauf hin.
Leute, die über mehrere Abbiegungen hinter mir herlaufen, scheinen mir stets
schräge Gestalten zu sein. Kürzeste Blicke, die auf mich gerichtet werden, sind
von einem Glanz gezeichnet, der mir jeweils wie Spott vorkommt, doch
wahrscheinlich ist dies nur Ausdruck ihrer Dummheit. Viele andere Kleinigkeiten
fallen mir auf, als wäre ich ein wahnsinniges Genie, das daraus das Grosse Bild
eines zynischen Lebens malt, welches von Satan höchstpersönlich gelenkt wird.
In den wenigen ruhigen Momenten, in denen ich unterwegs bin, kann ich intuitiv jedem
nervigen Zufall ausweichen und wenn es gelegentlich dennoch geschieht, dass mir
das einzige Auto weit und breit den Weg abschneidet, bleibe ich interessanterweise
ruhig und warte entspannt ein paar Sekunden ab. Was will mir mein innerer
Psychologe denn mit diesen suggestiven Hinweisen sagen? Etwa, dass ich
allmählich wirklich den Stresslevel runterfahren muss? Dass ich mir die
einstige Demut zurückholen soll, der ich mit dem Geschenk meines hervorragenden
Geistes verpflichtet bin? Aber all die Idioten um mich herum regen mich zu sehr
auf, da die Auswirkungen ihrer Degeneration sich nicht auf Kleinigkeiten beschränken.
Lieber beschränke ich mich daher auf diese Kleinigkeiten, statt die grossen
Dinge in Angriff zu nehmen und nachhaltig zu beeinflussen mit meinen niederen Trieben
der Aufmerksamkeitsökonomie. Mühe müsste ich mir dabei nicht mal geben, denn noch
immer reagiert der Abschaum am heftigsten auf die stumpfesten Provokationen,
die selten einen tieferen Hintergedanken hegen. Wenn ich allerdings unter meinen
künstlerischen Ausbrüchen meines Jähzorns wie ein Meister eingängliche und doch
differenzierte Pamphlete streue, muss ich später nichts bereuen, denn
schliesslich machte mich mein irres Auftreten reich. Noch ein letzter Rat des Psychologen?
Die destruktive Energie, mit der ich niederen Abschaum um mich herum
tyrannisiere, einfach erst in die Essenz leiten, um dann schliesslich mein
eigentliches Beuteschema anzupeilen: Irgendwas mit Medien. Die Welt gehört mir,
denn ich führe sie vor. So sprach Satan aus mir und versicherte mir, dass wir gemeinsam
nicht harmlos genug sind, um leichtfertig von der Kunstfreiheit gedeckt zu
werden, während Gonzo in meinen Mund uriniert.
- RvH - 22.04.2021 - 16:15 - 0334 -