Ein Osterhase und ein Kundschafter


Nun denn, was geschieht nun? Die Geschichte des Osterhasen könnte weitererzählt werden. Was tat dieser den heutigen Tag über? Kommt, er ist noch wach. Fragen wir ihn einfach mal. Er scheint Angst zu haben, in den Schlaf zu gleiten, der ihm Alpträume bereithält. Wie kam er denn in so kurzer Zeit zu so einer labilen Psyche? Er war doch ein fröhlicher kleiner Hase, der gerne durch seine Umwelt hüpfte und sich über seine Empfindungen freute. Ich ahne es bereits, er führte seine Reflektionen fort, die seit seinem Feiertag im vollen Gange sind. Verständlich, dass ihn das deprimiert. Die Beobachtungen der letzten Wochen häuften sich und zeichneten ein Bild, das die nahende Apokalypse abbildet. Jede weitere Beobachtung fügt sich diesem Bild und bestätigt die schlimmsten Befürchtungen. Nun steht vor uns ein misanthropischer Osterhase, der uns nicht weiter beschenken möchte. Wir gehen mit seinen Gaben nicht verantwortungsbewusst um. Ich selbst machte ihn mit meinem Handeln darauf aufmerksam. Und ich bin ansonsten relativ friedlich und schade niemanden ernsthaft. Kontaktverbote mal ausgenommen. Der Osterhase entdeckte gerade erst heute den Ursprung dieses Fleischgeruchs, den er an diesem Ort wahrnahm, von dem er uns bereits erzählte. Die Menschen halten in einer komischen Hülle einzelne Teile von Tieren und essen diese zu Hauf. Diese Vorstellung machte ihn endgültig depressiv. Und jetzt befürchtet er, im Traum gejagt und getötet zu werden, um dann ebenfalls zerstückelt und eingepackt zu werden. Er stellte sich denn ganzen Tag vor, wie es sich wohl anfühlen muss, über diesem Feuer gehalten zu werden und dann Stück für Stück gefressen zu werden. Schauder, wie es ein Hase ausdrücken würde. Er scheint böse auf uns zu sein. Vielleicht lassen wir ihn lieber in Ruhe, sonst greift er uns noch an. Vielleicht revanchiere ich mich irgendwann mal für sein liebgemeinten Versuch, mir eine Freude zu bereiten. Dies gelang ihm ja auch, doch ich war schwach. Es ist alles weg. Die Kundschaften gingen konsequent weiter. So bleibe ich wenigstens etwas fit. Wollt ihr mal auf eine Route mitkommen? Wir können gleich los. Es ist zwar dunkel draussen, doch ich erhelle euch den Weg mit meinen Worten. Gehen wir doch gleich zum ersten Ziel unserer Reise. Dieses liegt gleich unterhalb dieses Ortes, an dem der Osterhase seinen Verstand verlor. Es handelt sich um ein Bänkchen mit einer schönen Aussicht auf die umliegenden Dörfer. Dieses Ziel scheint nicht mehr oft besucht zu werden, wie es vor einem Jahr noch der Fall war. Damals war es ein nahezu täglich erblühender Zielort, der mich dadurch positiv prägte und mich daher auch heute noch öfters anzieht. Meist ziehe ich dann enttäuscht weiter runter in die Hölle zum nahegelegenen Wasserreservoir, das zurzeit sehr erfolgsversprechend ist. Joints mit komischen Filtern, die gegen Ende einer Zigarette ähneln, wachsen hier regelmässig nach. Doch wie anfangs befürchtet, als ich diese das erste Mal erblickte, handelt es sich dabei nicht um CBD-Joints aus den Läden. Das nervige an diesem Ort ist, das sich hier verschiedenste Leute zu unterschiedlichsten Zeiten breit machen und so keine unerkannte Sammelwut entstehen kann. Am frühen Morgen scheint die beste Zeit dafür zu sein. Doch hier war ich heute schon, es gibt also nichts zu entdecken. So gehen wir noch weiter runter und folgen dem langen Bogen dieses Weges, der sich vor uns erstreckt. Unterhalb dieses Bauernhofes dort werden wir rauskommen und blicken dann auf eine kleine Wiese herab. Dies war die Wiese, auf der unser Osterhase sein Geschenk für mich hinterliess. Ein gelegentlicher Besuch lohnt sich hier allemal, da die Bestohlenen des Hasen am Wochenende gerne bis in den Abend ihrer Sucht nachgehen. Manchmal hinterlassen sie mir sogar sehr viel. Es ist vermutlich schon länger als ein Jahr her, als ich diese Wiese als ein Zielort entdeckte. Dieser Moment war fast so schön wie das Geschenk. Damals waren die Leute öfters dort, was teilweise dazu führte, dass ich nicht jede Blüte mitnahm. Ich nannte diese damals Gourmet-Joints. Erbärmlich, ich weiss. Wisst ihr was, was sagt ihr dazu, wenn ich euch ein andermal auf meinen Routen rumführe? Wir können uns dann hier treffen und schauen dann, wo wir als nächstes hingehen. Von hier aus gibt es zwei Optionen, die in der Nähe liegen und in unterschiedliche Wege übergreifen. Im Moment kann ich mich für keine entscheiden und eigentlich möchte ich zu den jeweiligen Orten noch ein paar Anekdoten erzählen, die ich auf meinen Reisen erlebte. Doch dafür muss ich mir noch überlegen, welche am passendsten und unterhaltsamsten sind. Denn ich möchte euch ja nicht erschrecken. Ich nutze unsere Treffen nur dazu, um mich selbst zu verspotten. Und es tut mir gut, einer anonymen Masse voller Mitläufer zu erzählen, was ich den ganzen Tag so treibe. Vielleicht ändere ich dann auch langsam mein Verhaltensmuster, das mein derzeitiges Leben prägt und fickt. Bis bald, meine Richter und Henker, die mich verurteilen und töten wollen. Geht nun an meinem Arsch vorbei. Er möchte in Ruhe Druck ablassen. 

RvH, 14.09.2019, 01:29, 0063